Physikerin des Monats
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Oktober 2026
Francesca Ferlaino, Professorin am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) in Innsbruck
Über mich und meine Arbeit
Ich wurde 1977 in Neapel geboren und besuchte eine französische Schule. Ich habe an einem klassischen Gymnasium mit den Fächern Latein und Griechisch maturiert. Naturwissenschaften standen dabei nicht im Fokus, Physikunterricht hatte ich praktisch kaum. Allerdings habe ich als Jugendliche ein Atomkraftwerk in Frankreich besucht und war von der Atomenergie total fasziniert. Ich fand es unglaublich, dass durch das Spalten eines Atomkerns so viel Energie freigesetzt wird. Diese Faszination ließ mich nicht mehr los. Dennoch interessierten mich viele Fächer und ich überlegte auch, Philosophie oder Medizin zu studieren. Ein Freund aus der Oberstufe, der Physik studierte, nahm mich mit in eine Physikvorlesung. Da war es um mich geschehen. Ich entschied mich dafür, Physik zunächst in Neapel zu studieren und schloss meinen Master in theoretischer Physik an der International School of Advanced Studies (ISAS) in Triest ab. Das Doktoratsstudium absolvierte ich an der Universität Florenz und am European Laboratory for Non-Linear Spectroscopy (LENS) in Florenz. Im Zuge meiner Dissertation spezialisierte ich mich auf experimentelle Physik und war an der ersten Realisierung von Quanten- Gasgemischen aus verschiedenen Alkalimetallatomen beteiligt.
Ursprünglich nur für drei Monate kam ich 2006 als Gastwissenschaftlerin in die Forschungsgruppe von Rudolf Grimm nach Innsbruck. Aus den drei Monaten wurden jedoch viele Jahre. Dank eines START-Preises des FWF (der höchsten Auszeichnung Österreichs für Nachwuchswissenschaftler*innen) im Jahr 2009 und eines ERC Starting Grants im Jahr 2010 konnte ich meine eigene Forschungsgruppe Dipolar Quantum Gases Group aufbauen. Seit 2014 bin ich Professorin am Institut für Experimentalphysik der Universität Innsbruck sowie wissenschaftliche Direktorin am Institut für Quantenoptik und Quanteninformation (IQOQI) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Innsbruck. In meiner Forschung untersuche ich Quantenphänomene in atomaren Gasen bei Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Quantensimulation mit Gasen stark magnetischer Atome. 2012 gelang mir die weltweit erste Realisierung eines Bose-Einstein-Kondensats aus Erbium, mit dem wir in der Folge exotische Materiephasen beobachten konnten, darunter den sogenannten Supersolid-Zustand. An dieser Grundlagenforschung fasziniert mich besonders, dass wir heute Fragen stellen, die vielleicht erst irgendwann jemand anders beantworten wird – was wir in unserem Feld herausfinden, kann auch in anderen Bereichen wichtig sein und interdisziplinär genutzt werden.
Es folgten zwei weitere ERC-Grants sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen. Für mein Engagement für Frauen in der Physik – insbesondere für die Gründung des Netzwerks atom*innen – wurde mir 2023 der Grete Rehor Staatspreis verliehen. 2024 wurde ich von der Tageszeitung Die Presse zur Österreicherin des Jahres in der Kategorie Forschung gewählt, und 2025 zeichnete mich der Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalist:innen als Wissenschaftlerin des Jahres aus.
Was kann man für mehr Chancengleichheit in der Physik tun?
Ein Schlüsselmoment auf meinem persönlichen Weg in die Physik war sicherlich der Umzug von Italien nach Österreich. In Italien hatte ich in einem Labor gearbeitet, in dem Frauen und Männer mehr oder weniger gleich vertreten waren – ich hatte nie das Bedürfnis, zu zählen, wie viele Frauen oder Männer dort arbeiteten. Als ich nach Innsbruck kam, war ich fast die einzige Frau, später lange Zeit auch die einzige Professorin. Da wurde mir bewusst, dass dieses Ungleichgewicht keine Ausnahme ist, sondern ein strukturelles Problem. Frauen sind in der Physik nach wie vor in der Minderheit, und das sogenannte Leaky-Pipeline-Problem zeigt sich besonders deutlich: Mit jeder Karrierestufe sinkt der Frauenanteil weiter. In Österreich lag der Anteil weiblicher Physikstudierender im Bachelor in den letzten zehn Jahren im Schnitt bei rund 24 Prozent, bei den Professorinnen bei nur etwa 13 Prozent (Quelle: ÖPG).
Dabei ist es gar nicht so leicht, überhaupt einen verlässlichen Überblick über die tatsächliche Situation zu bekommen – wie sieht es etwa in anderen Ländern aus, wie viele Frauen sind dort in der Physik tätig? Es gibt zwar Daten, etwa von Eurostat, aber sie sind aus meiner Sicht nicht besonders gut nutzbar. Genau aus diesem Bedürfnis heraus, Zahlen transparent zusammenzutragen und gleichzeitig dem Gefühl der Isolation, das viele Frauen in der Quantenphysik kennen, etwas entgegenzusetzen, habe ich 2024 gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen in Innsbruck das Netzwerk atom*innen gegründet. Sie steht allen offen, die Interesse daran haben, die Quantenwissenschaften inklusiver zu gestalten: Frauen können sich darüber international vernetzen, und sich gegenseitig Inspiration und Unterstützung geben. Als praktisches Tool führt die Plattform mit wenigen Klicks zu wichtigen Informationen, etwa zu Förderprogrammen, Stipendien oder Preisen. Außerdem stellen wir Physikerinnen in ausführlichen Interviews vor und haben eine virtuelle Galerie an Role Models aufgebaut.
Ein Beispiel dafür, warum die Arbeit mit Daten für uns besonders interessant ist: Der Frauenanteil in der Physik fällt länderspezifisch sehr unterschiedlich aus, und das oft überraschend. Viele osteuropäische Länder weisen erstaunlich hohe Anteile von Frauen unter den Physikstudierenden im Bachelor auf, häufig über 50 Prozent – Beispiele sind Nordmazedonien, Albanien, Polen, Rumänien, Bulgarien, Serbien und Kroatien. Hier spielen sicher mehrere Gründe eine Rolle, etwa das Bildungssystem sowie kulturelle und historische Faktoren. Gleichzeitig investieren viele dieser Länder weniger als etwa 1,5 Prozent ihres BIP in Forschung und Innovation. Interessanterweise sind Frauen tendenziell dort stärker in der Physik vertreten, wo Forschungskarrieren finanziell schlechter ausgestattet oder gesellschaftlich weniger angesehen sind. In Ländern wie Österreich hingegen, wo eine wissenschaftliche Karriere als prestigeträchtiger, gut bezahlter Beruf gilt, sind Frauen unterrepräsentiert. Diese Daten legen nahe, dass die Beteiligung von Frauen auch stark von gesellschaftlichen Erzählungen über Prestige, gesellschaftlichen Wert und die Vorstellung davon geprägt wird, welche Berufe als erstrebenswert gelten.
Für mehr Chancengleichheit in der Physik braucht es aus meiner Perspektive also mehreres gleichzeitig: Wir müssen die aktuelle Situation und die Datenlage genau überprüfen, um zu verstehen, warum sich die Verhältnisse weiterhin nicht so sehr ändern, wie wir es uns wünschen. Gleichzeitig müssen wir Probleme benennen und dem Thema Sichtbarkeit verschaffen – und dabei ist es wichtig, alle einzubeziehen und einzuladen, sich damit zu beschäftigen, um genderbewusste Perspektiven auf Wissenschaft zu ermöglichen. Natürlich wäre es wünschenswert, dass sich bereits Kinder frei von Geschlechterstereotypen entwickeln können und in ihren Möglichkeiten so stark davon beeinflusst werden. Es ist hier auch viel gesellschaftliche Arbeit notwendig.
Nicht zuletzt müssen wir als wissenschaftliche Community verstehen, wie wichtig Vielfalt für die Wissenschaft selbst ist: Forschungsteams profitieren nachweislich von unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen. Ziel muss eine Atmosphäre sein, in der sich alle Menschen, unabhängig von Geschlecht oder weiteren demographischen Faktoren, willkommen fühlen.
Wenn Sie mehr über Francesca Ferlaino und ihre Arbeit erfahren möchten, finden Sie hier den Link zu ihrem ÖAW-Profil, hier ihr Profil auf der IQOQI-Website, hier den Link zu ihrer Arbeitsgruppe sowie hier den Link zu ihrem LinkedIn-Profil.